DIE BEDEUTUNG VON PEOPLE ANALYTICS FÜR DIE CANDIDATE EXPERIENCE

Gastbeitrag function(HR) – Der HR-Vordenker Josh Bersin schrieb kürzlich, dass Unternehmen zukünftig zur „Irrestible Organization“ werden müssen. Solche unwiderstehlichen Arbeitgeber wirken auf Bewerber quasi anziehend. Sie schaffen es auf umkämpften Arbeitsmärkten die passenden Kandidatinnen und Kandidaten anzuziehen und zwar deutlich erfolgreicher als ihre Konkurrenten. Doch wie wird man ein unwiderstehlicher Arbeitgeber? Es ist offensichtlich, dass diese Aufgabe in den Bereich des Personalmanagements fällt. Denn ein exzellentes Employer Branding und effiziente Rekrutierungsprozesse erscheinen auf dem Weg zur ultimativen Candidate Experience als hilfreich. Weniger klar ist, wie genau dieser Weg zur „unwiderstehlichen Organisation“ eigentlich beschritten werden kann.

Ich argumentiere, dass das Zielbild einer unwiderstehlichen Organisation bereits während der Rekrutierung geprägt werden kann. Dabei sind folgende Punkte entscheidend: Kein alleiniges Fokussieren auf Branding und Candidate Journeys im Rahmen Candidate Experience, sondern die wichtigen Treiber der effektiven Mitarbeiterbindung bereits im Rekrutierungsprozess zu berücksichtigen. Wie aktuelle Zahlen zeigen, ist die Mitarbeiterbindung in vielen Unternehmen heute aber ein echtes Problem. Sie verschlechtert den ROI der Rekrutierungsausgaben deutlich.
Wie die Grafik zeigt, wechseln jedes Jahr ca. ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland ihren Job (31 % unter Akademikern). Bei den Beschäftigten unter 25 Jahren liegt diese Quote mit 75 % allerdings erschreckend hoch. Das bedeutet dann auch, dass in jedem dieser Fälle eine erfolgreich rekrutierte, eingearbeitete, Wissen tragende und Leistung bringende Person das Unternehmen verlässt. Diese Stelle muss nun erneut besetzt werden. Je besser die Mitarbeiterbindung in eurem Unternehmen funktioniert, umso mehr Kosten spart ihr euch , da ihr diese Stellen nicht neu besetzen müsst.

Mitarbeiterbindung

„The war for talent has really become a war for talent retention!”
Daniel Mühlbauer

Talentbindung als Folge eines Candidate Experience Managements

Die Art und Weise wie Mitarbeiter rekrutiert werden, kann die erfolgreiche Bindung von neuen Mitarbeitern entscheidend prägen. Besonders vielversprechend ist in diesem Zusammenhang die Schaffung einer exzellenten Candidate Experience. Candidate Experience bezeichnet die Gesamtheit der positiven und negativen Interaktionserlebnisse zwischen einem Unternehmen, dessen Mitarbeitern (z.B. Rekrutierungsteams) und den Bewerbern im Verlauf des gesamten Rekrutierungsprozesses (Funnels).

Moderne Unternehmen nutzen verschiedenste Technologien, um die Candidate Experience über ihre gesamten Rekrutierungsprozesse hinweg so angenehm, informativ und effizient, wie möglich zu gestalten. So können insbesondere Videobewerbungen genutzt werden, um Bewerbungsprozesse zu einem zielgruppenspezifischen Erlebnis zu machen. Der Fokus wird damit vom Lebenslauf auf die Bewerberin, den Bewerber gelenkt.

Durch die Konzentration auf wichtige inhaltliche Fragen in der Videobewerbung erhalten Unternehmen einen genaueren Eindruck von den Fähigkeiten und (!) den Sozialkompetenzen sowie der Persönlichkeit der Bewerberin oder des Bewerbers. Zugleich geben die gestellten Fragen seitens des Unternehmens eine realistische Vorschau auf die späteren Tätigkeitsinhalte im jeweilig ausgeschriebenen Job. Das bedeutet, dass die Kandidatinnen und Kandidaten ein möglichst realistisches Bild der positiven und (!) negativen Aspekte des späteren Jobs erhalten können (e.g., einen „Realistic Job Preview“).

Person-Job-Fit sicher stellen

Verschiedene Studien stützen den positiven Einfluss von „Realistic Job Previews“ im beruflichen Kontext, da Kandidatinnen und Kandidaten frühzeitig herausfinden, ob der Job tatsächlich zu ihnen passt. Das mag den Bewerberpool verkleinern, aber die verbleibenden Personen weisen wahrscheinlich eine bessere Passung zum Job auf. Denn solche Rekrutierungsverfahren erlauben eine bessere Einschätzung der wahrgenommenen Passung der individuellen Bewerber zum jeweiligen Job oder dem jeweiligen Unternehmen. Dieser „perceived fit“ ist ein weiterer Wirkungsfaktor für die Anziehung geeigneter Bewerberinnen und Bewerber im Rekrutierungsverlauf. Studienergebnisse weisen darauf hin, dass diese wahrgenommene Passung im Rekrutierungsprozess mit einer Verringerung der späteren Fluktuationswahrscheinlichkeit einhergeht. Genau deshalb hängt die spätere Talentbindung mit der Qualität der Technologie zusammen, die ihr zu Gestaltung eurer Candidate Experience einsetzt. Das ist aber nicht „automatisch“ so, sondern hängt von zwei entscheidenden Faktoren ab.

Candidate Experience und People Analytics als Kernfaktoren einer frühzeitigen Mitarbeiter-Bindungsstrategie

Im Kern geht es bei der technologischen Unterstützung der Candidate Experience darum, die zwei genannten Wirkfaktoren gezielt zu steigern („Realistic Job Preview“ und „perceived fit“). Erstens sollten wir also flexible Technologien bevorzugen, die den Bewerbungsprozess zu einer erlebbaren Vorschau auf den Arbeitskontext und die zukünftigen Kolleginnen und Kollegen machen. Das bedeutet, dass wir Technologien einsetzen sollten, die direkte Gestaltungsmöglichkeiten dieser „Experience“ ermöglichen. Zweitens sollten wir zusätzlich umfassendes Recruiting Analytics einsetzen. Das bedeutet, dass wir Datenanalysen benötigen, die einen Zusammenhang zwischen Rekrutierungsprozessen und späteren Fluktuationsquoten herstellen.

Bindungsmanagement

Ableiten einer erfolgreichen Rekrutierungsstrategie

Dadurch erfahren wir, welche Rekrutierungsstrategien, welche Elemente der Candidate Experience und welche Rekrutierungskanäle sich positiv auf die spätere Bindung der rekrutierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auswirken. Das bedeutet, dass wir zunehmend besser in der Lage sind, diese Erkenntnisse bei der Ausschreibung neuer Stellen und der Gestaltung der Candidate Experience zu berücksichtigen.

ExHUB

Dazu bietet sich die Nutzung eines umfassenden Experience HUBs an, welches die entstehenden Daten eines digitalen Rekrutierungsprozesses mit integrierten Candidate Experience Befragungen und späteren Fluktuationskennzahlen zusammenbringt. So erfahren Rekrutierungsteams in Echtzeit, welche Strategien sich im Verlauf des Rekrutierungsprozesses besonders positiv auf die Mitarbeiterbindung auswirken. Rekrutierungsanalysen ermöglichen es den Rekrutierungsteams Antworten auf verschiedenste drängende Fragen zu bekommen, wie:

• Bei welchen Jobprofilen funktionieren Videobewerbungen am besten?
• Wie sehr beschleunigen sich die Rekrutierungsprozesse durch den Einsatz von Videobewerbungen?
• Erhöht sich der Net Promotor Score (Weiterempfehlungsrate) durch den Einsatz von Videobewerbungen?
• Über welche Rekrutierungskanäle kommen die Bewerber mit geringer Frühfluktuation nach dem Hiring?

Dieses Wissen kann dann zur erfolgreichen Personalisierung der Rekrutierungsstrategie und zum zielgruppenspezifischen Einsatz von Videobewerbungen eingesetzt werden. Konkret : Wenn Recruiter genauer wissen, welche Inhalte bei bestimmten Zielgruppen in den Vordergrund stehen müssen, um bereits bei der Bewerberauswahl eine höhere Bindungswahrscheinlichkeit der neuen Kollegen anzustreben, dann können sie diese Inhalte zur Ausgestaltung ihrer Videobewerbungen bei den Kandidaten nutzen. So kann die Videobewerbung zur Verbesserung der Candidate Experience und Erhöhung der Talentbindung eingesetzt werden.

Fazit: Candidate Experience = Videobewerbungen + strategisch relevante Analysen

Zusammenfassend bedarf die proaktive Gestaltung einer ansprechenden Candidate Experience, dem komplementären Einsatz von Technologien und strategisch relevanten Analysen. Besonders sinnvoll sind dabei Videobewerbungen, weil sie viel Gestaltungsspielraum bieten. Die Inhalte der Videos (z.B. in Form von Fragen) können auf die Zielgruppe zugeschnitten werden. Das ermöglicht die realistische Präsentation der späteren Tätigkeit im Unternehmen und des bestehenden Teamspirits bzw. der Unternehmenskultur. Videos sind zudem flexibel von den verschiedenen Endgeräten der Bewerbenden einsetzbar. Sie verringern damit die Komplexität im Bewerbungsprozess . Zugleich können die passenden Rekrutierungsanalysen dabei helfen, die Videoinhalte genauer auf die Zielgruppe zuzuschneiden. So können aktuelle Problemfelder mit Blick auf die Talentbindung aufgedeckt werden. Damit wird es möglich, Antworten für die drängenden Fragen einer unwiderstehlichen Candidate Experience mit besonderem Blick für die Steigerung der späteren Mitarbeiterbindung zu finden.

Autor: Dr. Daniel Mühlbauer Co-Founder – Marketing & Customer Relations function(HR)