MUT ZUM BUNTEN LEBENSLAUF – VIELFALT STATT KAMINKARRIERE

Viele Unternehmen stellen das Thema „Vielfalt“ auch als Diversity bekannt in den Focus ihres Employer Branding. Doch bereits bei der Betrachtung eingehender Lebensläufe auf ausgeschriebene Positionen gerät die zulässige Vielfalt an ihre Grenzen. Die übliche und zugleich die meistgefürchtete Frage eines Recruiters an einen Bewerber lautet „Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“.

Diese Frage bedeutet für die meisten Bewerber heutzutage noch immer das K.O. Kriterium. Oft endet hier bereits der Wunsch nach Vielfalt. Entweder der Bewerber ist zu bescheiden, dann wird ihm mangelnde Ziel- oder Karriereorientierung unterstellt oder er formuliert seine Ziele zu ambitioniert, dann wird er als Angeber und „Möchtegerne-Leader“ eingestuft.

Ein Recruiter wird nicht all die „Must-Have Boxen“, alle gewünschten Anforderungen an einen Bewerber, auf seinem Interview-Leitfaden ankreuzen,
• wenn der Bewerber keine übersichtliche, strukturierte und nachvollziehbare Darstellung seines Lebenslaufs hat
oder
• Lücken in seinem Lebenslauf aufweist
oder
• einen sprunghaften CV mit kurzen Stationen und unterschiedlichen Schwerpunkten aufweist.

Diese Aspekte entsprechen nicht den idealen Voraussetzungen eines Topkandidaten, nach denen jedes Unternehmen sucht. Lenkt man den Blick auf die Seite der Bewerber, so zeigt sich, dass sich 2 von 3 Bewerbern (67 Prozent) in gradlinige Lebensläufe geradezu gezwungen fühlen. Immer mehr Bewerber haben diesen nur in eine Richtung führenden Lebenslauf nicht. Sie leben und lieben die Vielfalt.

So entstehen vielfältige und bunte Lebensläufe

Das beginnt bereits damit, dass junge Menschen mit 17 oder 18 Jahren zum größten Teil noch gar nicht wissen, was sie beruflich werden wollen. Das führt einerseits dazu, dass sie nach der Schule erst einmal jobben oder Reisen in der Hoffnung, dass ihnen dann die „zündende Idee“ für eine Ausbildung oder ein Studium kommt. Auf der anderen Seite stürzen sich viele auch erst einmal in ein Studium, eine Ausbildung, die sich dann schnell als doch nicht das Richtige herausstellt. In dieser Phase sammeln sie wertvolle und vielfältige Erfahrungen.

Ältere Arbeitnehmer hingegen verlieren bedingt durch die zunehmende Anzahl von Umstrukturierungen in Unternehmen immer öfter ihre Jobs. Sie müssen sich aufgrund des steigenden Grads an Digitalisierung auch im fortgeschrittenen Alter neu ausrichten. Neu ausrichten bedeutet auch neue Erfahrungen zu machen und neue Kompetenzen aufzubauen. Die lässt sich aber nur realisieren, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt und „Vielfalt“ sammelt.

Der maßgeschneiderte CV

Dem gegenüber steht ein Recruiting, das nach Kandidaten sucht, die folgende Kriterien erfüllen:

• Masterabschluss
• einige Jahre in derselben Branche bzw. Industrie
• Kenntnisse der Branchen-Konkurrenz
• eigenständiges Bearbeiten und Planung von 2-3 Projekten im Jahr
• Zugang zu potentiellen Kunden
• kein Sabbatical in den letzten 6 Monaten
• einen nach Relevanz strukturierten sowie übersichtlichen Lebenslauf

Doch diese Merkmale gibt es aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen und gesellschaftlichen Entwicklungen immer seltener. Sie werden zum Auslaufmodell. Vielfalt und Individualität kommen mehr und mehr zum Ausdruck. Noch werden eingehende Lebensläufe von Bewerbern aussortiert, die über etliche Monate hinweg keinen Beruf im klassischen Sinne hatten, immer wieder in anderen Ländern waren oder „joblos“ gewesen zu sein schienen.

Gelebte Vielfalt

Vor allem werden Studenten, die nach der Vollendung der Bachelor- oder Masterarbeit sich den Sommer „frei“ nehmen, um sich erstmal von der stressigen Lernphase zu erholen, immer noch kritisch gesehen. Das Problem: Man macht sich erst gar nicht die Mühe mit dem Menschen hinter der Bewerbung in Kontakt zu treten. Doch dies kann ganz einfach und mit geringem zeitlichen und finanziellen Aufwand mit einer Videobewerbung geschehen. Hier kann das Unternehmen bequem nach der Motivation für den Job und den in der vermeintlich arbeitslosen Zeit erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen fragen. Sich danach erkundigen, wie Diversity erworben wurde.

So werden nicht nur lückenhafte Lebensläufe als nicht passend aussortiert, sondern auch Kandidaten, die z.B. ein Finanz-Studium angefangen dies aber nicht beendet haben. Anschließend haben sie vielleicht ein Volontariat im charitativen Umfeld absolviert, um dann auf einer Weltreise neue Kulturen und Sprachen zu lernen. Ein solcher Lebenslauf wirkt auf Recruiter als ziellos und nicht gefestigt. Die gewünschte Vielfalt gerät über ihre Grenzen. Bei genauerer Betrachtung dürfte diese Person nicht nur über Know-how im Controlling und ausgeprägte „Social Skills“, sondern auch über interkulturelle Kompetenz und eine breite Perspektive verfügen.

Aber aufgepasst Recruiter! Damit werden oft wertvolle Ressourcen vorschnell außer Acht gelassen. Es wird übereilt der Kontakt mit Menschen abgebrochen, die hervorragend darin sind mit Veränderungen umzugehen und sich auf diese einzustellen. Diese Bewerber sind in der Lage mit herausfordernden Situationen umzugehen und neue Lösungsansätze zu entwickeln.

Auf die Farbe kommt es an

Der „eintönige“ Entwicklungsweg (Mitarbeiter, Teamlead, Bereichsleiter) ist zudem für viele Arbeitnehmer nicht mehr attraktiv. Menschen streben eine „wertvolle“ Tätigkeit an, bei der sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen dabei sein können. So gehen Branchenkenner davon aus, dass in 10 bis 15 Jahren Menschen 10 bis 20 verschiedene berufliche Stationen im Laufe ihres Arbeitslebens durchlaufen haben werden.

Der Arbeitsmarkt 2018 hat sich schon verändert. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer bei einem Arbeitgeber liegt gerade mal bei 2 Jahren. Viele Arbeitnehmer haben den Wunsch nach stressigen Zeiten im Job eine Auszeit zu nehmen, um neue Seiten an sich zu entdecken. Vielfalt zu entwickeln und zu leben. Dies wird nicht zuletzt auch dadruch möglich, dass Kündigungsfristen kürzer geworden sind, aber auch Stellen heutzutage schneller nachbesetzt werden oder für das Outsourcing bestimmt sind.

Insofern stellt sich die Frage: Wie bunt darf eigentlich der Lebenslauf sein? Wie vielfältig darf er sein, ohne kopflos zu erscheinen? Und vor allem, was muss im Arbeitsmarkt passieren, damit ein bunter CV mehr Akzeptanz und Eintritt via Recruiting findet?

Tipps für einen überzeugenden und bunten Lebenslauf

Ein bunter Lebenslauf mit vielen unterschiedlichen Stationen und auch Unterbrechungen muss trotzdem strukturiert und aufschlussreich sein. Ein Recruiter muss den Lebenslauf innerhalb von 5 Sekunden sinnvoll nachvollziehen können. Jahreszahlen sollten chronologisch nachvollziehbar, sowie die Ausbildung ersichtlich sein. Dabei ist es nahezu nebensächlich, ob die Ausbildung mit der Jobwahl übereinstimmt. Bewerber müssen ihre Entscheidung für einen „bunten“ Karriereweg entweder im Bewerbungsschreiben, in der Videobewerbung oder im Interview begründen können.

Mut zu alternativen Darstellungen der Fähigkeiten, die im Bezug zu gewünschten Aufgabe stehen, sollten die Bewerber immer haben. Allerdings sollten sie dabei die Stärken aufzeigen, die sie daraus entwickelt haben. Unterschiedliche Farbtöne, Muster, kursive wie unterstrichene Wörter oder sogar Fotos gehören in einen Lebenslauf nach wie vor nicht. Eine Bewerbung für eine Marketingaufgabe darf dabei natürlich anders gestaltet sein, als die für eine Position im Finanz- und Qualitätsmanagement. Aber auch Lösungsvorschläge für Herausforderungen, vor denen das Unternehmen steht sind willkommen. Diese dafür notwendigen Informationen lassen sich den Medien entnehmen.

Fazit

Recruiter müssen umdenken. Sie sind gefordert sich auf vielschichtige und „bunte“ Lebensläufe einzustellen. Sich den Menschen hinter der Bewerbung genau anzuschauen und zu prüfen, wo dessen Kompetenzportfolio im Unternehmen am besten zum Tragen kommt. Bewerber sollten ihre besonderen vielschichtigen Erfahrungen und erworbenen Kompetenzen hinsichtlich der angestrebten Aufgabe herausarbeiten. Der konkrete Anwendungsbezug muss dabei deutlich werden. Nicht zu vergessen, dass der Lebenslauf eine nachvollziehbare Struktur aufweisen sollte, damit die Vielfalt wirklich Einzug in die Unternehmen halten kann.